Hadern und Handeln: Danger Dan im Interview zum neuen Album "Keine Angst"
Wie hast du den vergangenen Sonntag erlebt?
Ich bin gerade im europäischen Ausland, saß am Meer, hab einen Kaffee mit Eiswürfeln getrunken und wollte das Handy einfach mal auslassen. Das hat natürlich nicht geklappt. Um 18 Uhr saß ich da und hab geguckt, ob es jetzt 40 oder 45 Prozent sind. Und auch wenn das Ergebnis nicht überraschend ist – wenn es schwarz auf weiß da steht, macht das was mit einem.
Ich habe mir die Frage auch gestellt, weil es in “Keine Angst” eher um außerparlamentarische Strukturen geht, bei den Diskussionen vor und nach der Wahl aber vor allem um Parteien.
Das Problem ist weitaus größer als die AfD. Der Rechtsruck ist eine große Bewegung, die an den äußersten Rändern so rechts ist, dass die AfD schon wieder zu links ist, und gleichzeitig kommen die Stichworte für rassistische Gewalt auf den Straßen auch von den Grünen, der SPD oder rassistischen Ausfällen des CDU-Bundeskanzlers. Das lässt sich nicht allein auf Parteien beschränken. Aber was gerade in unserer Gesellschaft passiert, ist mit diesen AfD-Wahlergebnissen messbar. Ich gucke daher gespannt auf so eine Wahl, aber ich glaube auch, dass das kein Problem ist, das sich nur parteipolitisch lösen lässt.
Am Wahlabend ist auch ein generelles Hadern innerhalb des ÖRR im Umgang mit der AfD kulminiert. Die Absage deines Auftritts in der ZDF- Sendung “Die Anstalt” lässt sich da einreihen.
Da passt schon einiges zusammen. Man sollte nicht zu hart mit dem ZDF sein. Ich hab meine persönliche Geschichte mit denen, jetzt wollten sie Igor und mich nicht “Keine Angst” spielen lassen, parallel wird Ulrich Siegmund zu “Logo” eingeladen. So ganz sarkastisch ist es schon merkwürdig: Ulrich Siegmund ist vor seinen Anhängern auf die Bühne gegangen, zu seiner ersten Rede nach diesem Wahlerfolg, und hat sich im zweiten Satz dafür entschuldigt, dass er zu spät gekommen ist, weil er noch Selfies mit ZDF-Mitarbeitern machen wollte. Mittlerweile frag ich mich, ob es politisch wirklich so klug von denen wäre, den ÖRR abzuschaffen. Weil mir das ZDF manchmal eher wie ein Steigbügelhalter vorkommt, gerade in dieser Hilflosigkeit.
“Keine Angst” setzt den Sound von “Das ist alles von der Kunstfreiheit” gedeckt fort. Hast du den noch mal grundsätzlich in Frage gestellt?
Beim ersten Mal wusste ich, dass ich das Klavierspielen mal auf Albumlänge ausprobieren möchte, hab aber selbst nicht richtig dran geglaubt. Als ich dieses Klavieralbum zum ersten Mal Leuten vorgespielt hab, hab ich mich geschämt. Die Rolle des Liedermachers, der ernste Lieder am Klavier schreibt, ist mir eigentlich fremd und bei anderen auch zuwider. Über das Album und die Tour bin ich dann aber in die Rolle so reingewachsen, dass klar war: Ich will das noch mal machen und dieses Mal nicht aus der Hüfte schießen. Ich hab auch drüber nachgedacht, ob ich das orchestraler machen kann, bin aber gut damit gefahren, mich in erster Linie auf Klavier und Gesang zu reduzieren. Wenn da Streicher sind, kaschieren die eher mein Unvermögen.
Inhaltlich ist “Keine Angst” stringenter als der Vorgänger. Viele Songs blicken aus der Perspektive eines mittelalten Menschen auf frühere Gefühle.
Es gibt bestimmt auch super reflektierte Anfang-Zwanzigjährige, die das können. In den späten 90ern saß ich immer mit allen alternativen Leuten in Aachen auf dem Markt rum, und da waren so zwei junge Punker, die sangen und spielten Gitarre – “Verdamp lang her” von BAP. Ich war kurz davor, denen die Gitarre zu zertreten, weil ich das so furchtbar fand. Ich hatte das Gefühl: Ihr habt noch gar nicht das Recht, so was zu singen, wir sind doch erst 19 oder so. Und jetzt bin ich 43, kann auf mein halbes Leben zurückgucken und bin weit weg von diesem Typen. Ich glaube, das befähigt einen dann auch, sich rückwirkend noch mal anders zu betrachten. Das hab ich auf “Kunstfreiheit” angefangen, aber auf diesem Album sind Lieder, die lange gereift sind, bevor ich sie schreiben konnte.
Du vertrittst nicht nur diffus-linke, sondern klare, teils konfliktbehaftete Standpunkte. Auf dem Album gibt es zugleich Songs, in denen es um eine allgemeinere Menschlichkeit geht. Ist dir Versöhnlichkeit wichtig?
Hab ich so noch nicht drüber nachgedacht. Ich glaube, man hat umgekehrt ein richtig beschissenes Leben, wenn man Nazi ist. Ich glaube, es ist super anstrengend, so ein maskuliner, komischer Nazi-Mann zu sein und die ganze Zeit Angst und Schrecken verbreiten zu müssen, obrigkeitshörig zu sein und nach unten treten zu müssen. Das Attraktive am Linkssein ist, dass man das nicht muss. Dass man sich kritisch mit sich selbst auseinandersetzen darf und versucht, das gute Leben zu leben. Spaß an sich, der Welt und den andern Menschen zu haben – und nicht nur an dem kollektiven Rausch, wenn man irgendwas kaputtmachen will. Oder irgendwen. Ich finde Unversöhnlichkeit voll in Ordnung. Aber was Solidarisches in der Kritik freut mich auch immer. Sonst verbittert man und lebt sein Leben wie der Hören-Sie-auf-mich-ins-Gesicht-zu-filmen-Mann, und das will man ja auch nicht sein, das ist ja auch scheiße.
Der Elefant im Raum
Zu Konflikten um “Keine Angst” führten insbesondere die lieben „Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk“ am Ende der vierten Strophe. Die Namen lassen sich als Verweise auf vier Personen lesen, die in den vergangenen Jahren wegen Angriffen auf (mutmaßlich) Rechtsextreme angeklagt waren. Die Fälle und Prozesse werden auch innerhalb linker Szenen ambivalent bewertet. Gerade Lina E. und Maja T. haben jedoch nicht nur große Solidarität erfahren, sondern vor allem symbolische Strahlkraft entwickelt.
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